Die geodätische Station in Frauenstein im System der Landesvermessung im ehemaligen Königreich Sachsen

von Volkmar Beger, Chemnitz-Adelsberg


Der steinerne Obelisk auf dem im südlichen Bereich der Stadt gelegenen Sandberg ist vielen Einwohnern Ihrer Stadt gewiss schon oft aufgefallen. Welche Aufgabe kam diesem Stein von 1865 zu, dessen 160-jähriges Jubiläum wir in diesem Jahr begehen können? Erinnert der Obelisk in freier Lage auf dem Hügel in Sichtweite der Burgruine an ein wichtiges Ereignis in diesem Jahr? Welche Bedeutung hatte die Triangulierung oder zu deutsch die Gradmessung? Ist dieser Stein auf dem Sandberg der Einzige seiner Art in Sachsen?

Der Beantwortung dieser Fragen soll dieser Artikel dienen.

Die Königreiche Sachsen, Preußen und Österreich hatten 1863 beschlossen, ihre Länder zu vermessen. Auf die herkömmliche Art und die Arbeitsweise der Feldmesser war das bisher nur ungenau und nur für begrenzte kleinere Flächen möglich gewesen. Die vorliegenden Oederschen Karten genügten ebenso nicht mehr den Anforderungen. Das Verkehrswesen, die aufstrebende Industrie und eventuell auch das Militärwesen verlangten nach exakten Vermessungen der Verkehrswege und der Nutzflächen. Auch die einst an wichtigen Straßen und Plätzen kurz vor der Mitte des 18. Jahrhunderts aufgestellten kursächsischen Postmeilensäulen mit ihren Entfernungsangaben in Stunden waren nicht mehr bedarfsgerecht. Die dort verkehrenden Postkutschen waren vor einigen Jahren auch in Sachsen durch die Eisenbahn abgelöst worden. So wurde auch in Frauenstein auf dem Marktplatz eine Postmeilensäule errichtet, die heute in rekonstruierter Form an verkehrsberuhigter Stelle zu sehen ist.

Geräte für Entfernungsmessungen auf größere Distanzen gab es damals nicht, aber dafür solche für das Messen von Winkeln. Diese Gerate und Methoden wurden bereits im Untertagebergbau im Erzgebirge angewendet. Die Markscheider arbeiteten dort mit genau messenden Theodoliten.

Ihr genaues Messergebnis war für die Sicherheit einer Grube entscheidend. Die theoretischen Grundlagen dafür hatte der Wissenschaftler und Mathematiker Carl Friedrich Gauß mit seinen Dreiecksberechnungen, der Trigonometrie, erdacht.

Wenn eine Länge eines Dreiecks und zwei anliegende Winkel bekannt sind, kann man auch die beiden anderen Längen berechnen. Gauß hatte bereits 1821 damit begonnen, mittels der Trigonometrie das Königreich Hannover zu vermessen. Auf der Theorie und den ersten praktischen Erfahrungen von C. F. Gauß aufbauend schuf der in Grünberg bei Radebeul 1821 geborene Geodät und Astronom Christian August Nagel ein Dreiecksnetz zur Vermessung des Königreiches Sachsen. Alle Kreuzungspunkte in diesem Netz waren dann die trigonometrischen Punkte (TP). Die überwiegend mit quadratischem Grundriss, jedoch einige auch in runder Form gefertigten Säulen, dienten der Aufstellung der Theodoliten mit denen die Winkel zu den nächsten Säulen gemessen werden konnte. Die Sächsische Staatsregierung verfügte, dass die Steine möglichst in naheliegenden Steinbrüchen geschlagen werden sollten. Damit wurde einer breiten Menge von Steinmetzen Arbeit verschafft und der Transport preiswerter. Heute sind Sachsen noch etwa 150 solcher Vermessungssteine, die meisten in gutem Zustand, vorhanden. Die Mehrzahl der Säulen bestehen aus dauerhaftem Granit, einige aus Sandstein und Porphyr.

Die Anzahl der Sichtpunkte war vom TP 79 aus trotz seiner geringen Höhe von 680 Metern über NN. mit neun relativ groß.

Heute wird die Sicht u.a. in südlicher Richtung durch einen Wasserhochbehälter eingeschränkt. Eine Vielzahl der Säulen ist anders als zu ihrer Verwendungszeit von Wald und auch Baulichkeiten umgeben. Der naheliegendste Sichtpunkt war der TP Nr. 80 am Drachenkopf bei Holzhau. Die größte Sichtentfernung bestand zum nahezu 30 Kilometer entfernten TP Nr. 14 auf dem Bernstein auf der böhmischen Seite des Erzgebirges bei Mikulovice (Michelsdorf). Seine Aufstellung veranlasste seinerzeit auf seinem Herrschaftsgebiet der Fürsten Ferdinand von Lobkowitz. Die einst dort stehende Vermessungssäule wurde nach dem II. Weltkrieg wie vieles andere im tschechoslowakisch- deutschen Grenzgebiet zerstört. An diesem Ort erinnert heute nur ein kleiner Stahlpfahl an den einstigen TP.

Die Netzseite „WIKIPEDIA Königlich-Sächsische Triangulirung“ (mit dieser früher geltenden Schreibweise) veröffentlicht in einer Tabelle die Geodaten für alle trigonometrischen Punkte. Diese können Sie in die Smartphones eingeben. Mit Hilfe dieser Daten kann auch der ortsunkundige Wanderer diese oft versteckt liegenden Stellen finden.

Wenn ein zum ersten Mal hier Wandernde in diese Gegend gekommen ist, empfiehlt sich ein Besuch der Ruine der im 13./14. Jahrhundert entstandenen Burg. Ein zu empfehlendes Ausflugsziel ist auch das Gottfried-Silbermann-Museum neben der Stadtkirche mit seiner neu eingerichteten Ausstellung. Im Ortsteil Kleinbobritzsch ist ist auch das Geburtshaus des einstigen Orgelbauers Gottfried Silbermann zu entdecken. Die Frauensteiner Kirche besitzt allerdings keine Silbermann-Orgel mehr, denn sie wurde bei einem der Stadtbrände im Jahr 1728 zerstört.

Der aus Wendischcarsdorfer Sandstein bestehende viereckige Vermessungsstein wurde auf Veranlassung des Freiberger Professors und Gradmessungskommissar Julius Ludwig Weisbach durch vom aus dem Ehrenfriedersdorfer Revier stammenden Markscheider Ignaz Städter errichtet. Die freiwerdenden Markscheider des in den damaligen Jahren sehr zurückgehenden Bergbaus im Erzgebirge waren für Professor Nagel wichtige Fachleute für die Vermessung und für bauleitende Maßnahmen. Sie waren verantwortungsvolles Arbeiten im Untertagebergbau gewohnt.

Der Antransport des etwa 1,6 Meter hohen Steinquaders einschließlich des noch einmal so großen Basissteines aus dem Steinbruch bei Dippoldiswalde hatte der Steinmetz mit einem Pferdefuhrwerk zu leisten. Der an der Vorderseite vorhandene Höhenmessbolzen stammt aus späterer Zeit.

Das trigonometrische Netz zu ebener Erde ist heute nicht mehr erforderlich. Ein Reihe von Satelliten übernimmt aus dem All alle notwendigen Arbeiten zur Vermessung bis in die entlegensten Winkel. Diese bilden auch die Grundlage für die Erstellung der unterschiedlichen Landkarten. Trotzdem werden die Nagelschen Säulen heute wie die Kursächsischen Postmeilensäulen als Zeugnisse der Geschichte erhalten und gepflegt. Verantwortlich dafür zeichnet der Staatsbetrieb Geobasisinformation und Vermessungswesen. Dort sind auch die Wege zu den Säulen beschrieben. Der Drachenkopf bei Holzhau ist bequem zu Fuß zu erreichen. Für den Weg zu den entfernteren Säulen ist schon ein Fahrzeug nützlich.

Beide Arten der Säulen stehen heute unter gesetzlichem Denkmalschutz. Die Stadt Frauenstein besitzt also von jeder Art dieser beiden einst so wichtigen Denkmale ein Exemplar.

Wer tiefer in diese Materie eindringen möchte, dem sei das Buch „Historische Vermessungssäulen - Eine Spurensuche“ empfohlen.

(Quellen: Geobasisinformation, Herr Bien; Ausstellung in Schule Großenhain; Zeitschrift „Der Briefmarkensammler“; Geobasisinformation gemeinfrei; Der Autor; Geobasisinformation, Herr Bien)


Veröffentlicht am 19.09.2025